XXIII (aus: Lange Fluchten)

XXIII

„Anne! Kannst du mit den Jungen zur alten Klinik kommen? Ich warte dort auf dich, wir fahren ans Meer.“

Er legt auf. Es klingelt, aber er geht nicht ran. Nein, keine Nachfragen, sie soll einfach ein paar Sachen zusammenpacken. Es gibt da nichts zu fragen.
Die alte Klinik hat er gesagt, er ist sich gar nicht sicher, ob Anne die kennt, und der nächstgelegene Treffpunkt ist es auch nicht. Aber dort hat einmal sein Leben angefangen. Dort in den langen weißen Fluchten mit dem Rhythmus der Lichtstreifen, die durch die Türen fallen. Er war wieder zum Ausgang gelaufen, wo er doch hatte springen wollen. Sechzehn Jahre war das her. Eine sechzehnjährige Ruine muss man auch erst mal werden.
In einer Stunde wird er dort sein. Der Morgen ist frisch und klar, die Autobahn fast leer. Er wird nach Weißenhaus fahren mit Anne und den Jungen. Erst mal nur nach Weißenhaus, dann wird er weitersehen. Von dort sind es nur ein paar Kilometer bis zum Truppenübungsplatz. Und er wird am Meer sein, wie an den besten der Seedorfer Sonntagen.

Als er auf den Parkplatz einbiegt, sieht er schon ihr Auto.

„Das ging aber schnell“, ruft er ihr beim Aussteigen über das Autodach zu.

Sie lächelt ihn an. „Ich hatte schon gepackt, als du anriefst.“

Er fragt nicht, woher sie wusste … es war nicht wichtig, nicht nach dieser Nacht. Nur kurz streift ihn der Gedanke, welches Mysterium die Ehe ist, ein größeres als die Liebe. Anne trägt ein blaues Kleid, das er nicht kennt. Er schaut ihr zu, wie sie einen Koffer in den Kofferraum hebt, ihre Armmuskeln, ihre Wirbelsäule, die sich durch den dünnen Stoff abzeichnet. Der Große hilft. Schweigsam. Nein, leicht wird es nicht, aber er kann nicht in den Container zurück, in das provisorische Leben, das sich wie ein Gurt um ihn gezogen hat. Der Kleine strahlt und versucht, seine Aufregung zu beherrschen. Sie haben sogar an die Hängematte gedacht.

Sie fahren los. Anne verteilt Brote mit Spiegelei. Cons dreht die Musik laut, selbst der Große scheint sich innerlich lang zu machen. Cons beobachtet ihn im Rückspiegel, wie er kauend mit seiner verspiegelten Sonnenbrille aus dem Fenster schaut und wegen seiner Ohrstöpsel vermutlich gar nichts mitbekommt. Der Kleine redet und redet, aber keiner hört ihm zu und es macht ihm nichts aus. Anne holt einen Taschenspiegel raus und zieht ihre Lippen nach. Er hat sie lange nicht so gesehen. Sie legt ihre Hand auf seinen rechten Oberschenkel. Er mag das nicht, weil es ihn beim Schalten stört, aber heute ist es schön.

„Wo fahren wir eigentlich hin“, fragt Anne durch den Lärm der Musik und des Fahrtwinds. „Nach Weißenhaus“, schreit Cons zurück. „Das ist direkt am Meer, und da gibt es auch genug freie Quartiere.“

Anne ist zufrieden, und er genießt ihre stumme Anlehnung. Es ist acht Uhr dreißig, in fünf Stunden können sie in Weißenhaus sein. Mein Gott, war es vielleicht all die Jahre so leicht gewesen, dieses ganze verdrehte Leben hinter sich zu lassen? Einfach ans Meer fahren, mit der Familie ans Meer fahren, den Container hinter sich lassen. So einfach, wie nicht zu springen, wenn einer kommt und einen anschreit: Du Arsch. So einfach, wie weiterzuleben, wenn ein anderer den Kampf verloren hat und tot ist. Darum ging es doch im Soldatenspiel, für das er fast sein halbes Leben lang trainiert hatte: Wer lebt, hat gewonnen, so lange, bis er tot ist. Er drückt den Zigarettenanzünder rein und kramt im Seitenfach, doch gleich fällt es ihm ein: die Kinder. Der Kleine ist eingeschlafen. Der Große scheint mit seiner Sonnenbrille noch immer aus dem Fenster zu sehen, oder er ist auch eingeschlafen. Cons dreht die Musik leiser.

„Er wollte erst nicht mitkommen“, Anne sagt es leise mit einem Blick auf Chris, „aber ich habe ihm gesagt, dass es vielleicht der letzte Urlaub sein könnte, den wir alle zusammen machen.“ Cons nickt, obwohl er sich fragt, wie sie das meint. Wieso der letzte? Chris war zwölf. Oder dreizehn. Ganz kurz ist Cons darüber unsicher, versucht sich an den letzten Geburtstag zu erinnern, den vorletzten. Er hatte mal gegrillt für Chris und seine Freunde, aber das war schon lange her.

„Geht er denn gerade gern in die Schule?“, fragt er, um das Gespräch nicht gleich wieder verebben zu lassen. Er hat lange nicht mit Anne über die Kinder gesprochen. So wie früher, als das ihr gemeinsamer Auftrag war, wie sie manchmal gesagt hatte, um ihn wegen seines Redens von der Auftragstaktik aufzuziehen. In den ersten Jahren bei der Armee hatte er sogar überlegt, ob ihm das nicht Auftrag genug sein sollte, ob er nicht die paar Jahre noch runterreißen sollte und dann etwas Ziviles machen, Gärtner vielleicht.

„Ich weiß es nicht, ich weiß nichts mehr über ihn“, Anne nimmt ihre Hand von seinem Bein. „Ich denke manchmal, es bedrückt ihn etwas, aber kann sein, er ist in der Schule ganz anders. Ich glaube, die Jahre, in denen wir ihn gekannt haben, sind vorbei. Er lebt zwar noch bei uns, aber eigentlich ist er schon weg. So schnell ging das, und wir haben unser Leben zu viert noch gar nicht angefangen.“

„Aber er ist doch erst zwölf.“ Da Anne nicht protestiert, wird es wohl stimmen.

„Er wünscht sich ein eigenes Zimmer“, sagt sie.

„Ja, wir sollten dort wegziehen, das Haus wird nie fertig.“

Sie sieht ihn überrascht an: „Und die Schulden?“

„Es gibt keine Schulden, Anne, keine wirklichen Schulden, es ist nur Geld. Wir müssen nur aufbrechen.“

Daniela Danz – Lange Fluchten. Buchcover

Lange Fluchten. Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2016
ISBN: 978-3-8353-1841-0
Preis: 18,90 Euro

Gehäuse (aus: „Poesie und Stille“)

Gehäuse (aus: „Poesie und Stille“)

Im Uhrgehäuse wohnen die Zahnräder, die Federn und Wellen. Im Uhrgehäuse wohnt auch die Unruh, die das Jetzt zum Vorbei macht. Im Kerngehäuse schlafen die Kerne, sie reifen. In Kernen reift die Frucht und in der Frucht die neuen Kerne. Im Kerngehäuse wächst im Jetzt das Später.

Im Gehäuse wohnt Hieronymus. Das Gehäuse nimmt sich ein Stück von der Welt und baut Wände darum, es grenzt die Welt aus. Keine Tür geht in die Welt, in der das Gehäuse steht, kein Fenster, durch das der Blick in die Welt geht. Hieronymus ißt nicht. Schläft er? Vielleicht ist das Gehäuse sein Schlaf. Atmet Hieronymus? Das Gehäuse ist seine Atmosphäre, die Decke der Himmel, der Boden Stein. Kein Wasser, kein Gras? Kein Gras. Hieronymus trinkt nicht. Kein Wald, keine Wildewelt. Alles, was ist im Gehäuse ist seine Vorstellung: die Bücher, der Tisch, die Haken in der Wand und die Utensilien daran. Aber der Löwe, der Löwe ist Welt, der Löwe ist wild. Der Löwe muß doch fressen! Der Löwe frißt auch nicht. Er ist die gefangene Natur des Hieronymus. In ihm ist das Wilde wie in einem Gehäuse, es dringt nicht in die Welt des Hieronymus. Bedroht der Löwe die Welt des Hieronymus? Er bedroht sie so, wie die Welt draußen vom Gehäuse des Hieronymus bedroht wird. Er ist ihr gefährlich, weil er in ihrem Inneren eingeschlossen ist. Der Löwe hat Zähne und Klauen. Hieronymus hat Bücher und einen Stift. Er klopft von innen gegen die Wand des Gehäuses? Nein, nein, Hieronymus klopft nicht nach uns. Es beunruhigt ihn, das der Löwe seine Wildheit nicht zeigt, daß er ganz still liegt. Es beunruhigt ihn mehr als wenn der Löwe durchs Gehäuse streifte. Denn so wie er da liegt, ist er der Leib der Vorläufigkeit. Hieronymus hat keinen Schrank und keine Truhe, das Gehäuse hat keine Häuslichkeit. Es ist kein Haus und keine Behausung. Ein Geviert mit Wänden ist es. Vorübergehend. Hieronymus bedroht uns, weil er nicht nach uns klopft?

So ein alter Mann sagen die Vorübergehenden als sie ihn sitzen sehen, so ganz allein in seinem Gehäuse mit den Weltutensilien, der sollte doch außerhäuslich betreut werden.

Poesie und Stille
Schriftstellerinnen schreiben in Klöstern
Hg. von der Klosterkammer Hannover
Wallstein-Verlag, Göttingen 2009
ISBN 978-3-8353-0460-4, Euro 14,90

Beiwächter (aus: „Türmer“)

Beiwächter (aus: „Türmer“)

Vater hatte mich mit einer kurzen Bewegung seines Kopfes zu sich ins Wohnzimmer gerufen. Jan, sagte er, während er am Fenster stand und hinaussah, willst du unbedingt da unten etwas anfangen? Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Was könnte ich machen, eine Lehre zum Schuster, hatte ich immer gedacht. Es würde mir gefallen, in meiner Werkstatt allein zu arbeiten. Die harten Sohlen, das weiche Leder. Die Verschiedenheit der Schuhe. Elegante Damenschuhe, in deren weiches Leder sich Überbeine und ein schiefer Gang eingedrückt hatten, und Kinderschuhe, die durch verbotene Reviere gekommen waren. Schuhe, die geliebt wurden, und plumpe, praktische Schuhe, die von ihren Trägerinnen verwünscht und heimlich mißhandelt wurden. Doch ich richtete sie wieder, und sie hielten noch eine Saison, bis es auch schon egal war. Als fast noch junger Mann einen krummen Rücken bekommen und schlechte Augen und schließlich ein letztes Paar Schuhe machen, das schon keiner mehr kauft. Reparaturen nicht mehr annehmen und nutzlos werden. Ich konnte mir fast jede Arbeit für mich vorstellen, weil es mich nicht stören würde, tagaus, tagein dasselbe zu tun. Vermutlich würde ich es auch gar nicht merken. Ob es unbedingt sein müßte, das anzufangen? Nein, mir war es nicht wichtig, das oder etwas anderes zu tun. Vater ließ mir Zeit für die Antwort. Was wollte er hören? Nein, sagte ich und wartete, was er mit dieser Antwort anfing. Gut, Jan. Du weißt, daß ich einen Beiwächter brauche. Sie haben mir schon einen zugeordnet. Ich will aber, daß du das machst. Es ist ohne die Kosten für den Beiwächter knapp genug. Er hatte also mittlerweile sogar die Instruktionen gelesen.

Vater wußte so gut wie ich, daß das bedeuten könnte, ich würde nichts Eigenes in meinem Leben mehr anfangen können, zu alt für etwas anderes sein, wenn ich hier wieder herunterkäme. Aber von unten hatten wir ein Gefühl mit heraufgenommen, daß, was man jetzt beginnen würde, nicht von Dauer wäre. Daß etwas geschehen würde, das alles umkehrt und die Lebensläufe in eins wirft. Daß mit einemmal nur noch zählen würde, wie einer den Moment zu nutzen wußte, ob er schieres Glück hatte. Trotzdem wurden Verträge und Ehen geschlossen, Pläne gemacht, Häuser gebaut. Als könnte man Gewißheiten schaffen. Warum also nicht eine Entscheidung fürs Leben treffen. Ja, dann mache ich das, dann werde ich Beiwächter. Schön, Jan, er war erleichtert und schenkte mir sogar einen schnellen Blick aus den Augenwinkeln, bevor er mir bis ins Kleinste erklärte, was meine Aufgaben sein würden. Ich wunderte mich, wie er so schnell vertraut sein konnte mit der neuen Arbeit. Er mußte auch schon jede Ecke der Wohnung geprüft haben und warnte mich sogar vor losen Brettern auf dem Dachboden und davor, die Luken zu öffnen, weil sie sich leicht aus den Angeln heben konnten. Auch mit dem Bild der Stadt war er, schien es, schon vertraut. Er erklärte mir vom Umgang aus den Straßenverlauf, die Entfernungen, die Orte am Horizont und die Standorte der Feuerwachen. Die Sache fing an mir zu gefallen. Wenn man auf die Straßen um die Kirche sah, war man mehr als ein Mensch und doch noch nicht einmal ein Mensch. Die da unten liefen, dachten nicht daran, daß einer sie sieht, daß einer wacht für sie. Und wenn sie doch hoch sahen, dann nicht wie zu ihresgleichen, zu einem, der sie beobachtete und sah, was keiner sehen sollte. Sondern wie zu einem, der alles wissen darf, weil er doch von einer anderen Welt ist und nicht als Mitwisser zählt. Einer, dem man nicht zutraut, sich etwas dabei zu denken. Einer, der nur seine Pflicht tut und den es eigentlich gar nicht gibt.

Türmer. Daniela Danz – Buchcover

Türmer. Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2006
ISBN-10: 3-8353-0042-3
ISBN-13: 978-3-8353-0042-2
Preis: 16,00 Euro