Overkill

Overkill

durch die Schlacken sind wir gekommen
durch Schlachtensediment
persönliche Kämpfe und Dunkelziffern

dem Hintermann flüstern wir zu
bück dich nicht heb nichts auf vergiß
was du dir einbildest zu sehen es ist
nichts als ein richtig gutes Training

aus den Minenschildern
haben die Einheimischen längst
Kaninchenställe gebaut

auf dem Acker statt dessen
Streichholzschachteln mit
verschiedenen Motiven historische Schlachten
Füchse aus Deutschland und Mohn

hefte den Blick auf den Nacken
des Vordermanns gib die Hinweise weiter
laß die Hand an der Naht du willst doch
zurück mit leichtem Gepäck

 

Pontus. Daniela Danz – Buchcover

Pontus. Gedichte
Wallstein Verlag, Göttingen 2009
ISBN-10: 3-8353-0476-3
ISBN-13: 978-3-8353-0476-5
Preis: 14,90 Euro

Die Kamera im Dienst der Ethnologie

Die Kamera im Dienst der Ethnologie

ich sah ein Foto auf dem ein Mann vom
Stamm der Schubi lachend seinen Körper
zeigt die Arme unterhalb der Achseln
eingeschnürt von breiten Reifen blieben

dünn wie die des Jungen der er war
darunter quollen strahlend die Muskeln
hervor des Mannes der er wurde

ich sah der Mensch ist ein Baum
der über seine Wunden fortwächst
das Fleisch die Rinde die eigene
Gestalt unser ganzer nutzloser Stolz

 

Pontus. Daniela Danz – Buchcover

Pontus. Gedichte
Wallstein Verlag, Göttingen 2009
ISBN-10: 3-8353-0476-3
ISBN-13: 978-3-8353-0476-5
Preis: 14,90 Euro

Gobelin

Gobelin

der silbergraue Sommer webt uns in sein endloses Stück
durch die sich hebenden senkenden Körper zieht
das Schiffchen wie leuchtende Fäden die Tage

Danae sitzt im Gehäuse der Zollstation sie sagt:
schwer geht der Regen durch die Träume
ich werde einen Sohn bekommen seine Mutter
wird weinen – sie zieht mich zu sich und flüstert:
ich sehe mich liegen mit aufgelöster Haut
und warten auf die eine Angst oder die andere

unser silbergraues Webstück ist auf den Stuhl gespannt
der interessierte Besucher betrachtet die Erzählung
unserer Tage als mythischen Stoff voll Bewunderung
streift sein Blick die vergoldeten Schindeln
Prachtflecken im Brachland durch das wir in diesem
Sommer endlos fahren in dessen Gewebe wir
dem die Zeiten kreuzenden Schiffchen begegnen

an Deck in Sonnenglut liegt ausgestreckt der Held
Danilo gevierteilten Lebens doch immer noch
kampfbereit am Ufer hocken die Männer und
rauchen in die hohle Hand ich bewundere die
Kunst mit der sie die Glut ins Meer schnippen

diese Fähre müssen wir nehmen wenn wir im Schutz
unserer Pässe reisen wollen wenn wir nicht schlafen wollen
im Lande Kolchis die Schwarzmeerflotte im Rücken
und vor uns die Einzelheiten des Grenzübertritts

man muß den gleichen Azurfaden für Himmel und
Meer nehmen es gibt keine Grenze dazwischen
sagt träumend Danilo wir beide schweigen ich weiß
was du sagen willst: das sieht nicht aus Danilo
bei uns schätzt man die Grenzen und nennt sie peras
und meint: von woher etwas sein Wesen beginnt

zum Abend frischt der Wind auf – die über die Reling
spritzende Gischt heilt Danilos geteilten Leib
wir sind froh in der skythischen Finsternis
einen ortskundigen Begleiter an Bord zu haben

wir fragen ihn nach Danae – er hat nie von ihr gehört
ist das das Land der Skythen dann hat Danilo gefälschte Papiere
und ist unsere Währung nichts als Spielgeld für die Besatzung
wir zeigen ihm Bücher und lesen darin bis in den Morgen

doch Danilo hält unsere Verse für bare Versprechen
und will mit uns zurück nach Kolchis das an Holz Flachs
und Hanf reiche Land

durch die Schleusen aber kommt er nicht mit gefälschten
und auch nicht mit echten Papieren nur unsere Danae in den
Büchern hats leicht – sie zieht mich zu sich heran und sagt:
du kannst nicht für andere traurig sein denn für dich
ist der Regen diesseits wie jenseits der Grenze derselbe

 

Pontus. Daniela Danz – Buchcover

Pontus. Gedichte
Wallstein Verlag, Göttingen 2009
ISBN-10: 3-8353-0476-3
ISBN-13: 978-3-8353-0476-5
Preis: 14,90 Euro